Freiwilligendienst im Straßenkinderhort ANAWIN, Provinz Salta

Erste Eindrücke!

Meine Tage sind gefüllt mit Aktivitäten:

Aufstehen gegen 9 h. Um 10 h geht der Unterricht los. Gleich am ersten Tag bin ich zum “Professor” (kurz: “Profe”) aufgestiegen. Ich betreue Fußball, Rugby und Englisch. Außerdem biete ich eine Jonglageklasse an. Um 12 Uhr ist Mittagspause. Bis 4. Dann geht es weiter. Viel Krach, viel Lachen und viele fröhliche Gesichter.

Viele Jugendliche haben große Probleme (Alkoholismus wohl das größte, nichts zu essen kommt kurz danach) zu Hause und sind sehr aggresiv, gesundheitlich in schlechten Konditionen, und viele haben auch kein Wasser, um sich regelmässig zu waschen. Doch bald fängt hier der Sommer an. Damit auch die Regenzeit. Die Bäche fuellen sich wieder, und es wird im Wasser gespielt und auch gewaschen. Trotzdem geben sich alle Mühe. Hier gibt es immer etwas zu essen. Brot vom Vortag und eine Tasse Kakao. Milchreis und Tee als Alternative.

Um 7 h ist dann Nachtruhe. Obwohl dann in Argentinien das Leben erst beginnt. Es wird dunkel, und die Temperaturen sinken auf angenehme Grade. Ich koche, gehe einkaufen oder sitze einfach in meinem Stuhl vor der Tür und genieße die Ruhe. Manchmal wird sie von einem Mofa gestört, das mit sagenhaften gechätzten 20 Km/h und einem ohrenbetäubenden Lärm vorbei kriecht.

Eckdaten

Ort:Atocha, Provinz Salta, Argentinien
Jahr:2011 - 2012
Dauer:6 Monate
Freiwilliger:Kai Sommer

Fußball und Leben in den Slums!

Das Leben auf der Fundation ist toll, aber auch sehr anstrengend. Ich helfe ja beim Rugby und beim Fußball und habe jetzt auch schon öfter den Kurs alleine geleitet, da Marcus, der eigentliche Leiter, nicht da war. Super anstrengend! Denn erstens verstehe ich natürlich nicht alles, was die Kinder von mir wollen. Zweitens kenne ich die Regeln des Rugby nicht zu 100 Prozent. Und oft wird mehr diskutiert als gespielt!! Drittens sind Kinder natürlich mega frech und wollen die Übungen, die ich vorschlage, nicht machen. Da hilft als einziges Druckmittel, dass entweder kein Fußball gespielt wird oder als letztes die Kinder nach Hause gehen müssen. Manche Kinder heißen hier übrigens: Hans, Axel oder Olga.

Letztens gab es ein Fußballspiel zwischen den Arbeitern von der Fundation und einer anderen Gruppe von Männern. Auch ich wurde dazu eingeladen. Das Spiel fand auf einem Platz in dem Dorf statt. Wir würden es als Slum bezeichnen. Der Platz bestand zum Großteil aus Staub. Wenn es einen Zweikampf gab, wirbelte dieser soviel Staub auf, dass ich mir wie im Comic vorkam. (Kämpfe von Asterix und Obelix mit den Römern = Man sieht nur Arme und Beine, und irgendwann fliegt ein Römer raus) Nur hier ist es der Fußball! Echt fantastisch!!!

Escuela de Verano!

Im Januar beginnt die “Escuela de Verano”, also die Sommerschule oder besser gesagt die Ferienspiele.

Ich bekam für den Vormittag eine Gruppe von 4 und 5-Jährigen und Nachmittags eine Gruppe von 11-13-Jährigen zugeteilt.

Morgens versuchten Romina und ich die Kleinen zu bespaßen. Dazu musste ich meistens als Klettergerüst herhalten; oft auch kitzeln, hochwerfen, tragen und rumschleudern. Allerdings hatten wir schon einen festen Tagesplan. Es gab Schwimmen im Planschbecken, Basteln und verschiedene Spiele. Doch speziell letzteres stellte sich als sehr schwer heraus, denn die Kinder von 4-5 verstanden viele einfache, eigentlich für diese Altersklasse vorgesehene Spiele nicht. Außerdem konnten viele die Farben rot, gelb und blau nicht unterscheiden. Das Zählen bis 5 oder sogar bis 10 war für fast alle eine unlösbare Aufgabe.

Badezimmer sind für viele Kinder auch etwas vollkommen Neues. Dort muss erst mal gelernt werden, was das Klo ist und wie man es benutzt; viele benötigen auch noch Hilfe. Als dann ein Junge mit der Klobürste im Mund meinte, er würde sich jetzt mal die Zähne putzen, lag ich fast vor Lachen auf dem Boden.

Ich werde oft gefragt, wie alt ich denn sei. Darauf antworte ich natürlich mit 20. Die Reaktion ist dann immer dieselbe: “Wie, du bist erst 20 und schon sooo groß??” Außerdem, da die Kinder die Farbenlehre ja nicht so gut beherrschen, behaupten sie manchmal vollen Ernstes, dass, obwohl ich einen roten Pinsel hochhalte, “Das, also das ist auf jeden Fall gelb”. Also vieles zum Lachen, manches zum Weinen!!! Denn die schulische Entwicklung dieser Kinder, auch der Älteren, ist manchmal echt erschreckend. Aber auch viele Erwachsene, hier in meinem Umfeld, tuen sich mit dem Rechnen und Lesen schwer…

Meine Nachmittagsgruppe dagegen ist um einiges anstrengender gewesen. 11-13 ist ein extrem anstrengendes Alter, wie ich feststellen durfte. Viele von den Kindern, oder muss ich schon Jugendliche sagen (?), wollten an vielen angebotenen Aktivitäten nicht teilnehmen, alles total uncool. Außerdem ist es anscheinend auch total uncool, das zu tun, was einem der “Profe” sagt. Schwieriger wurde die Situation noch, da die Professorin Gisela, der ich zur Hand ging, nicht ein einziges Mal durchgegriffen hat und der Gruppe mal gesagt hat, wo der Hammer hängt. Manchmal hätte ich mir das gewünscht. Als dann auch noch vermehrt mutwillig Sachen der Fundation zerstört wurden, habe ich um ein Gespräch mit den Koordinatoren Miguel und Nati gebeten. Diese haben dann auch Klartext gesprochen.

Trotzdem hatte ich eine tolle Zeit mit der Gruppe, wenn auch sehr anstrengend. Viele, aber nicht alle, habe ich sehr ins Herz geschlossen und wir hatten tolle Gespräche, ja:  Gespräche ;), mit dem spanisch klappt es überraschend gut, und auch lustige Spiele haben wir gespielt. Ein paar mal haben wir das deutsche Völkerball gespielt. Total neu für alle, aber alle fanden es total lustig  Zwischendurch habe ich auch ein paar Mädels ein bißchen Mathe-Nachhilfe gegeben. Als dann die Frage aufkam, wie viel denn 5+7 sei, fiel ich fast vom Stuhl, als eine fest behauptete, es sei doch 13. Erst als ich es an meinen Fingern abzählte, gab sie klein bei. :)

Am Ende wollten mich, trotz ein bisschen Stress zwischendurch, manche gar nicht gehen lassen. Dies beweisen vor allem meine Arme. Denn diese sind vollgehängt mit Freundschaftsbändchen. =)

 

Sicherheit!

Nachts und im Dunkeln unterwegs sind Leo und ich oft. Denn jetzt beginnt überall das Leben. Doch Angst oder ein komisches Gefuehl durch die dunklen Slums zu laufen (um zur Busstation zu kommen) haben wir nie gehabt. Oft kommt von irgendwo ein “Hola Profe Kai, Hola Profe Leo”. Denn bei den Kindern sind wir schon sehr bekannt. Und dann kommen sie angerannt, wollen umarmt werden und nach einem kurzen “Wie gehts” laufen wir weiter.

Einmal haben wir eine Gruppe Kinder mit Fahrrädern getroffen. Einer hatte ein Pferd. Damit sind die Kinder abends durch das Dorf gecruzt. Das Dorf  “San Raphael” liegt gegenueber von der Fundation. Dort findet man die einfachsten Häuser. Manche haben kein fließend Wasser, Strom oder Gas. Viele Kinder bekommen außerdem auch selten etwas zu essen und kommen immer mit großem Hunger zur Fundation und fragen nach Brot und Wasser… Da seh ich dann mal wieder, wie gut es uns in Deutschland geht, und ich schäme mich manchmal für die kleine Auswahl an Essen, die ich alleine hier in meiner kleinen Wohnung in meinem Kühlschrank habe…

Ich werde Anawin, Salta und Argentinien sehr vermissen!!!

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